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Internettagebuch

Hier stelle ich in unregelmäßigen Abständen Erlebnisse, Texte und Gedichte ein. Hierbei bitte ich zu beachten, dass Gedichte und Liedertexte dem Urheberrecht unterliegen und die Verwendung derselben, auch auszugsweise, nur nach Rücksprache mit mir zulässig ist.

Respekt!

2. Mai 2011

Am Samstag war ich im Kabarett bei Hagen Rether, den ich von allen Kabarettisten am liebsten mag. Dreieinhalb Stunden(!) hat er uns mit Wahrheiten und Ansichten und Deutungen gequält und ich meine, dass er dies auch vorgehabt hat, sein Publikum zu quälen. Nach soviel ausgesessener Zeit lässt du dir praktisch alles sagen und denkst nur noch, der muss doch jetzt endlich mal zum Schluss kommen. Der Respekt ihm gegenüber hat es mir verboten, schon früher das Capitol zu verlassen, allerdings zu einem hohen Preis, weil mein Auto abgeschleppt worden ist. Etwas verwirrt stand ich an der Stelle, wo ich es abgestellt hatte und ich begriff nicht sogleich, was eigentlich passiert war. Ich nahm mir dann ein Taxi zum bekannten Abstellplatz, da hatten die freundlichen Abschlepper meinen Wagen gerade ordentlich eingeparkt. Es war also nur eine minimale Zeitverzögerung, um nach Hause zu fahren, aber doch sehr unnötig. Ich stand zwar falsch, behinderte aber niemanden, versperrte keine Ausfahrt usw. Auch war es mitten in der Nacht, da frag ich mich, wer hat sich so ärgern können über eine Regelwidrigkeit, dass er mir die ganze Breitseite seiner Möglichkeiten verpassen musste. Apropos Respekt, neulich habe ich eine Trauerfeier für einen Russland-Deutschen gehalten, da trudelten die Gäste im 5 Minuten Takt ein oder noch mal Respekt; bei einem Gespräch vergaßen die Leute es einfach, mich im Foyer des Pflegeheimes abzuholen und ich habe mich dann durch die Namenslisten der Bewohner und schließlich durch endlos lange Flure, die immer kurz vor der Zimmernummer endeten, die sich suchte, gekämpft. Endlich angekommen, fragte mich die schwerhörige Ehefrau sieben Mal nach meinem Namen und verstand ihn auch bein achten Mal immer noch nicht. Und all dies, nachdem ich bereits einen harten Arbeitstag hinter mir hatte und dieses Gespräch freundlicherweise und wörtlich zwischen zwei andere geklemmt hatte. Manchmal stößt es mir schon auf, dieser mangelnde Respekt vor meiner Arbeit und vor mir selbst, der Platz den man mir nach Dienstschluss zuweist, wobei es ja nicht um meinen Verstorbenen geht, sondern um die Vorbereitung der Trauerfeier ihres Angehörigen. Da liegt doch die Vermutung nahe, dass dieser auch zu Lebzeiten nur den Platz nach Feierabend eingenommen haben muss. Heutzutage wird doch kein Urlaubstag für die Verabschiedung eines Familienmitgliedes “vergeudet”, die Zeremonie hat sich der Geschäftigkeit des Alltags unterzuordnen. Auch Angehörige, die auf mich “schwören” und mich persönlich anrufen, um mir mitzuteilen wie schön und würdevoll die Trauerfeier doch gewesen ist, feilschen bei einem erneuten Trauerfall hemmungslos um Termine und weil ihnen nur der eine Termin passt, an dem ich aber schon belegt bin, wechseln sie dann eben lieber zu einem anderen Trauerredner. Wie inkonsequent ist das denn?! Von wegen, der Tod wird immer mehr aus dem Leben verdrängt, der bekommt schon seinen Platz, aber eben, wenn es passt, wenn kein Urlaubstag gefährdet ist und die private Ordnung nicht gestört wird. Auch die offensiv vorgetragene Frage nach einem Gespräch am Sonntag (!) vormittag durch Söhne, die alle in und um Schwerin herum wohnen, empfinde ich als Zumutung. Denn; ich habe auch ein Leben außerhalb von Trauerfeiern und Gesprächen, ich habe eine Familie, die mir um einiges wichtiger ist als mein Beruf. Und; ich brauche die zeit, um abzuschalten, mich bei Gartenarbeit oder Nichtstun zu erholen von all den Tränen, die durch mich hindurch fließen, von all der Verbitterung, die in manchen gewachsen ist, von all den Schuldzuweisungen denjenigen gegenüber, die beim Gespräch nicht mit am Tisch sitzen. Ich werde immer mein Möglichstes geben, aber nicht um jeden Preis, denn ein nervöses, ausgelaugtes und psychisch erschöpftes Wrack am Rednerpult oder auf dem Sessel gegenüber wird niemandem guttun, am wenigsten denen, die auf Wachheit, Präsenz, Mitgefühl und die Würdigung ihres Verstorbenen vertrauen. So möchte ich arbeiten dürfen, ohne Gängelei, ohne auf den Sperrsitz platziert zu werden, ohne unzumutbare Terminwünsche, denn all dieses beeinträchtigt konzentrierte Wachheit, beeinträchtigt sprachliche Kreativität, reduziert mich auf eine Dienstleisterin, die ich nicht bin und auch nicht sein will.

Ich bin mir nicht sicher

14. März 2011

Ein frühlingshaftes Wochenende war´s, wir haben Blätter geharkt, Maulwurfshügel entfernt, die Gartenmöbel nach draußen gestellt und kaffeetrinkend die ersten Farbflecke angestaunt, während über uns der Reiseverkehr der Gänse Aufmerksamkeit erheischend und doch sehr geordnet abzog. Das Klavier, welches wir in der Zeitung inseriert haben, ist verkauft worden, was bedeutet, dass es keine fremden Leute mehr zu Besuch geben wird, nur noch einmal die Klavierpacker, die das gute Stück an seinen Bestimmungsort transportieren müssen. Im Kommenden also wieder Ungestörtheit, keine Beunruhigungen, aber so ganz wird das nicht gelingen. Dass Japan weit weg ist, will mich nicht beruhigen, weil Schwerin eben doch nicht auf dem Mars liegt, und alles was der Erde geschieht, auch mir geschieht, Flüsse fließen am KKW dort entlang und diese fließen ins Meer und … Es kratzt und nagt an der eigenen Grundsicherheit, ich frage mich, ob es überhaupt noch legitim sein kann, am eigenen Glück so festhalten zu wollen, wie ich es bisher getan habe und komme zu dem Schluss, dass es nicht meine Bestimmung ist, mich einzumischen, sondern zu beobachten und wahrzunehmen und trotzdem bei sich zu bleiben.

Kleine Tiere-große Ängste

1. März 2011

Heute beim Frühstück hatten wir eine interessante Diskussion: woher kommen eigentlich unsere Ängste. In unserem Fall die Angst vor Spinnen bei meinem Mann und meinem Sohn und bei mir die Angst vor Mäusen. Werden diese Ängste von Generation zu Generation weitergegeben und wie lässt sich das Muster durchbrechen. Beim Erzählen ist mir aufgegangen, dass ich als Kind eigentlich vor fast allen Tieren Angst hatte, außer vor Katzen. Das hat mir das Leben auf dem Dorf nicht gerade vereinfacht und ich finde es im Nachhinein sehr bedauerlich, dass mir durch Irgendetwas der Zugang zur Tierwelt so versperrt worden ist. Heute bin ich zumindest in der Lage, halbwegs erwachsen auf Tierbegegnungen zu reagieren, ich muss nicht mehr in Panik weit weglaufen, wenn mir eine Maus begegnet, was glücklicherweise auch nur äußerst selten vorkommt. Vögel hingegen waren durch ihre schnelle Art der Fortbewegung nie Bedrohung für mich, durch ihre Unerreichbarkeit und trotz Größe Ungefährlichkeit für mich, fühlte ich mich immer zu den Kranichen, Störchen und Adlern hingezogen. Vielleicht ließe sich der Ursprung der Angst tiefenpsychologisch herausfinden, aber davor steht dann doch eine noch größere Angst, nämlich die, den Sumpf meiner Kindheit noch deutlicher sichtbar werden zu lassen. Und um meiner hart erkämpften seelischen Gesundheit Willen möchte ich mich dann doch lieber auch weiterhin vor Mäusen fürchten und nicht das Gruseln gelehrt bekommen, angesichts dessen, was mir im Hades meiner Kinderjahre noch so begegnen könnte.

Aufwachen

28. Februar 2011

Am Samstag flogen die ersten Kraniche über unseren Trauerzug hinweg, das hat mich froh gemacht und an meiner müden Substanz gerüttelt. Habe ich doch, und nicht nur was das Tagebuchschreiben angeht, einen Winterschlaf eingelegt, die Energie reichte nur für die Arbeit und das Alltagsgeschäft. Da war viel Genügsamkeit, Abkehr, Abschalten, sich zurückziehen in die warme Stube, Zeit für tschechische Märchenfilme und amerikanische Serienkiller. Nun erwacht aber langsam das Bedürfnis nach Auseinandersetzung und aus sich heraus gehen, aufräumen, wegputzen, was spinnwebenbehaftet vom letzten Jahr übrig blieb. Inzwischen ist mein Sohn achtzehn geworden, wir Drei haben seinen Geburtstag in einem dänischen Ferienhaus gefeiert, dort fühlten wir uns fast wie Einheimische, weil die Kälte fast alle Touristen von der Insel vertreiben hatte. Neulich saß der auch gerade volljährig gewordene Sohn einer toten Mutter vor mir und weinte mich an und ich sah in ihm gespiegelt meinen Sohn und ein großer Schmerz bemächtigte sich meiner, nur kurz, denn als die Eröffnungsmusik zu Ende war und die Rede beginnen sollte, war ich wieder in der Realität angekommen. Nicht um meinen Tod ging es und nicht um meinen Sohn, ich konnte mich wieder herausnehmen aus dem Bild, das einer anderen Wirklichkeit entsprach. Nach Gartenarbeit sehne ich mich und nach mehr gelebter Spiritualität und werde mir die Zeit geben, die ich brauche, um zur Gänze in diesem Jahr zu erwachen.

Ein Glückwunsch an mich selbst

16. November 2010

Heute: offiziell ein Jahr älter geworden, aber immer noch bei mir, gut gelaunt, zufrieden mit dem, was da ist.
Als ich jünger war und älter wurde, schmerzte noch jedes neue Jahr, da musste ich mir selbst hinterher laufen, die Seele war noch nicht nachgekommen. Jetzt habe ich meinen Rhythmus gefunden, meine Gangart; keine zu schnellen Schritte, aber auch kein verschleppen und vertrödeln, kein rückwärtsgerichtetes Bedauern. Was war, ist gewesen und hat mich zu der gemacht, die ich jetzt bin. Gelassen, ohne Selbstmitleid, mit verlässlicher Rückendeckung werden Jahreszahlen zu Erfahrungen, wird Erlebtes zu Reife werden.
Ich bin dankbar für mein Leben, für die Liebe meines Mannes und meines Sohnes, dankbar für die guten Geister, die mich beschützen, für liebe Menschen, die mich bestärken.

Stimmen im Hotel

8. November 2010

Ein langes Wochenende in Bebra, wieder einmal das Seminar für Trauerredner, diesmal mit gewissem Mehrwert. Die Stimme, Stimmhygiene, Übungen, Tipps und Tricks. Bekannte und fremde Menschen auf einem Haufen, das eigene Zimmer als Rückzugsraum, oder das morgendlich noch leere Schwimmbecken. Bemerkenswert: die Aufgeregtheit und Unsicherheit einiger, als es darum ging, sich mit knappen Sätzen einer Gruppe zu präsentieren, Sätze, die nicht mit; Liebe Angehörige, verehrte Trauergemeinde, beginnen. Schlaffe Körperhaltung, dünne Stimmchen, fehlende Überzeugungskraft. Es fehlten die Gerüste, die Vokabeln der Trauersprache, der sichere Boden einer Feierhalle. Habe dazugelernt und mich wacker gehalten, mich auch rausgezogen, wenn es unbequem wurde, mag mich präsentieren, aber nicht gerne zeigen, der Geselligkeit ein Schnippchen schlagen. Und dann froh, wieder zu Hause zu sein. Diese Aktivitätspause reicht erst mal wieder für ein Jahr, so verlockend sind ein Frühstücksbuffett und ein Schwimmbecken nun auch nicht.

Süßigkeiten und Bitternis

1. November 2010

Ich bin nicht stolz darauf, gestern kleine niedlich verkleidete Halloween-Mädchen abgewiesen zu haben. Ich habe nur etwas gegen Zwangsadoption, Zwangsadoption von Gebräuchen, die wir nutznießend in unsere eigene Kultur integrieren, ohne dass sie hier jemals Wurzeln gefasst hätten. Mit allergrößter Sklepsis begegen die meisten Menschen Wesen und Zusammenhängen aus anderen Welten, Magie gehört zu Harry Potter und Herr der Ringe und Hexen früher auf den Scheiterhaufen. Zur lustigen Bedürfnisbefriedigung, zum kostümierten Alltagsspuk aber ziehen Kleine wie Große sich Gewänder an und beten keck ihr Süßes, sonst Saures herunter. Der Unterhaltungswert ist garantiert. Fragt hingegen ein Penner Haste ma nen Euro ? hält die Hand krampfhaft die Geldbörse umklammert, weil, der trägt ja kein Kostüm und riecht ansonsten auch nicht gut. Fürs Geben will der Geber belohnt werden, und sicher nicht mit dem zahnlosen Lächeln eines Obdachlosen oder Punks, dem die nächste Dröhnung sicher ist, sondern mit strahlenden Kinderaugen aus der Sahelzone, oder eben mit dem niedlichen Szenario vor der Haustür. Wenn wir schon geben, dann soll es auch eine Investition sein, sich lohnen. Der Beschenkte soll verantwortlich mit unseren Gaben umgehen, ein Brunenn in Afrika soll gebaut werden, Spielzeug für ein Kinderheim angeschafft, Geben muss Sinn haben, Kreise ziehen und nicht der momentanen Bedürfnisbefriedigung eines herunter gekommenen Subjekts dienen. Dieses Subjekt aber freut sich wahrscheinlich echter über den Euro, der ihn für einen Moment seiner miesen Wirklichkeit enthebt, als die übersättigten Wohlstandskinder, die, jedenfalls hier, nahe der Schlossgartenallee, ihre minderwertigen Süßigkeiten heimlich in die Mülltonne werfen, weil Mutti ihnen so dermaßen ungesundes und chemisches Zeugs eh nicht erlaubt.
Zynismus kontra zuckersüße Augenwischerei ist jedenfalls eine Haltung. Und ich fürchte mich schon vor der Adventszeit, wenn mir an der Haustür häßliche und überteuerte Grußkarten aufgeschwatzt werden wollen, die ich mir nicht mal würde schenken lassen. Aber vor Weihnachten lassen sich ja angeblich auch die Herzen jener mit klebrigem Moraldings erweichen, deren Nächstenliebe sich darauf beschränkt, nach dem versehentlichen Anrempeln nur Prügel anzudrohen und sie nicht tatsächlich anzuwenden.

Tagträume

15. Oktober 2010

Wenn ich einmal reich wär- diesem Tagtraum gab ich mich auf einer Autofahrt nach Rehna hin. Das war aufregend und spannend, unser Haus habe ich von Grund auf umgestaltet, einen Wintergarten anbauen lassen und eine Sauna kam in den Keller, Wohnraum und Küche wurden ein Raum, und der Garten erst…
Das hat so richtig Spaß gemacht, sich all dies auszumalen und die Fahrt verging so beschwingt und angenehm unkonzentriert. Und als ich dann das Haus der Leute betrat, hob sich alles von selbst wieder auf, ohne Wehmut oder Schmerz.
Die meisten Träume des nachts sind oft so verworren und bedeutungsschwer, viel zu selten gebe ich mich solchen lustvollen Tagträumen hin, die keinen anderen Sinn haben, als glücklich zu machen. Das Erwachen daraus hat auch etwas für sich, ich kann es selbst abfedern und mich einfach nur über die schönen Gedanken freuen, die ich mir selbst geschenkt habe. Ich habe nicht gewusst, wie erfrischend Tagträume sein können und werde mich in Zukunft öfter darin üben.

Ein Quantum Macht

13. Oktober 2010

Die Tage rinnen, tätige Absichtslosigkeit vermischt sich mit Gedankenblitzen und wohliger Bequemlichkeit. Ein Laubteppichbedeckt den Garten schon, aber alles blüht darunter noch so üppig. Nächste Woche wird Herr Meier kommen (der von den Schweriner Engeln ) und den Laubteppich ausputzen, bis kein Laub mehr da ist und der Winterschlaf beginnt.
Ich lese wieder die alten Bücher, weil im Moment nichts Neues erscheint ( jedenfalls was mich interessiert )und freue mich über die Gabe, Teile der Handlungen und auf jeden Fall den Plott nach jedem Lesen zu vergessen. Früher habe ich mir das nicht vorstellen können, Bücher ein zweites Mal zu lesen, jetzt mag ich es, weil es mir wie Begegnung mit alten Bekannten vorkommt, die nichts fordern, nur einfach da sind und sich mit mir gerne die zeit vertreiben. Arbeit ist immer da, alles ist gut zu bewältigen, verschlingt mich nicht, lässt mir zeit für Meins; für wuseln und wurschteln und Vorfreude auf das, was da kommen wird.
Es hat mich verstört, dass die Bank um den Baum vorm Schlossparkcenter abmontiert wurde, wahrscheinlcih hat sich jemand über die Punks beschwert, die dort ihre Tage drauf verlungern in seliger und doch äußerst fragiler Abwesenheit. Sie werden andere Plätze finden und ich werde sie nicht suchen, wenn es nottut, werden sie mich finden.
So wie die Situationen mich finden, übereifrige Kassiererinnen im Supermarkt zum Beispiel, die ihr winziges Quantum Macht an harmlosen Jugendlichen ausprobieren. Diese wagten es, ein Fäkalwort auszuspechen, woraufhin sich das Gesicht der Kassiererin oberlehrerhaft verzog und der Zeigefinder in die Höhe schnellte; so was will ich aber nicht hören. Das ist doch, wenn auch nicht schön, Bestandteil der Alltagssprache, die einem auf jedem privaten Fernsehsender entgegenschreit, sagte ich, die Heranwachsenden übernehmen doch nur, was wir ihnen vorsetzen. So was gucke ich nicht, empörte sich die Frau, nein, gewiss nicht, sie sehen schon so aus, als würden sie nach Feierabend immer 3sat und Arte einschalten.
Die Jugendlichen feixten nicht einmal, waren nur verwirrt von dem, was sie ausgelöst hatten, riefen mir aber ein Danke und Schönen Tag noch hinterher.

Pilze sammeln in Kieve

10. September 2010

Das Wochenende werde ich am Ort meiner Kindheit verbringen. Es gibt dort einen Badesee, in welchem ich die Sommer verbrachte. Stundenlang habe ich gebadet, konnte schwimmen schon, bevor ich sechs Jahre alt war. Mit einem klapprigen alten Fahrrad unterwegs und als Proviant ein Stullenpaket, manchmal Kekse und selten rote Brause. Als ich erwachsen war, interessierte mich weniger das Baden, sondern die Pilze, viele Steinpilze, die es dort gab. Pilzesammeln gehört zu den wirklich schönen Erinnerungen und eigentlich fahre ich auch jetzt zum Pilzesammeln nach Kieve. Die Pension liegt auf der anderen, der preußischen Seite des Sees, soviel Abstand muss sein, dort gingen wir nie baden und duldeten als Kinder und Jugendliche auch nicht, dass die Wittstocker und Sewekower an unsere Badestelle kamen, weil unsere viel schöner war. Irgenwie möchte ich Frieden schließen mit dem Ort, möchte unserem Freund zeigen, wo sich Tragödien ereigneten und wo die Natur mich zu besänftigen verstand, ja es überhaupt möglich machte, dort in der dörflichen Beschränktheit weder gänzlich den Mut noch den Verstand zu verlieren. Und nach dem Tod meiner Eltern müsste der Boden minenrein sein, begehbar ohne Trauer und Verbitterung und hoffentlich noch voller Pilze.