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Internettagebuch

Hier stelle ich in unregelmäßigen Abständen Erlebnisse, Texte und Gedichte ein. Hierbei bitte ich zu beachten, dass Gedichte und Liedertexte dem Urheberrecht unterliegen und die Verwendung derselben, auch auszugsweise, nur nach Rücksprache mit mir zulässig ist.

Lebenslange Vorwürfe

31. August 2010

Ein Mitschüler meines Sohnes hat gestern seinen Selbstmord auf Facebook angekündigt, indem er einen Abschiedsbrief dort eingestellt hat. Seine Kumpel haben sofort reagiert und die Polizei zu ihm nach Hause geschickt, mit Erfolg. Mehr weiß ich nicht, ich sehe aber die Unsicherheit bei meinem Sohn. Er weiß nicht, wie er darauf reagieren soll, ist tief betroffen und will doch Distanz wahren. Ich meinte, er solle seinen Freund anrufen oder wenisgtens eine SMS schicken, das hat er auf heute verschoben, wenn er Näheres erfährt. Er hat schlicht Angst zu stören, sich einzumischen in etwas, was seiner Meinung nach in die Familie gehört, was die Familie klären muss. Und so einfach entsteht Distanz, wahrscheinlich hat jeder der Mitschüler so gedacht und P. steht aus lauter Rücksichtnahme völlig allein da. Niemand versichert ihm, dass es gut ist, dass er da ist, niemand bietet ihm Hilfe an, weil sie von professioneller Seite erwartet wird. Im Vorfeld hatte sich P. schon des Öfteren bei den Jungs ausgeheult, die Probleme aber waren letztlich für seine Kumpel belangslos, allegemein, darauf konnten sie nicht reagieren, rieten zum Besuch beim Psychiater. Ich habe mir von meinem Sohn das Handy gemopst, um P.s Nummer zu bekommen und habe ihm und seiner Mutter eine SMS mit dem Angebot zu reden, geschickt. Auch nicht sehr clever, ich weiss, aber vielleicht besser als gar nichts. Den Jungs in diesem Alter (17/18 ) ist immer alles so peinlich, was die Eltern tun, auch wenn es richtig ist. Allerdings erlebe ich tagtäglich das Gefühl, wenn derjenige wirklich stirbt und man sich lebenslang Vorwürfe macht, ihm nicht irgend wie geholfen zu haben. Für die Jugendlichen aber gibt es noch keine Zukunft, da sie die Gegenwart ja kaum fassen können. Ich hoffe, dass sie durch diesen Vorfall mehr aufeinander achten werden und sich vielleicht auch mehr zutrauen, den eigenen Impulsen zu folgen, ohne sich erst bei anderen absichern zu müssen, ob man so etwas auch tun darf.

Untergrund und Oberfläche

7. July 2010

Wenn man wie ich, seine Gefühle sorgsam unter Verschluß hält, wenn man nicht offen seine wahre Befindlcihkeit zeigen will, um anderen zu demonstrieren, es berührt mich nicht, es geht mich nichts an, dann bleibt es nicht aus, dass es im Unterbewussten brodelt und bei nichtigen Anlässen dann an die Oberfläche kommt. Auf Belanglosigkeiten reagiere ich völlig unangemessen, bin leicht reizbar und unausgegelichen. Träumte in der letzten Nacht sehr konkret und hielt es nur bedingt aus, unterbrach den Traum vor dem vermeintlichen Finale. Nun aber ist meine Mutter bestattet und ich erhoffe mir von den kommenden Tage wieder mehr Gleichgewicht und psychische Solidität. Auch wenn es in den letzten Wochen nicht so sehr viel Arbeit gab, so benötige ich die Sorglosigkeit eines Urlaubs in einem schwedischen Ferienhaus am See wohl mehr denn je. Heute aber freue ich mich aufs Fußballspiel und werde genauso ängstlich dabei sein und insgeheim mit allen guten Geistern und Mächten schachern und pokern wie beim furiosen Sieg über Argentinien. Erlaubt ist, was hilft.

Geschlossene aber nicht ungeschriebene Kapitel

5. July 2010

Der Tod meiner Mutter, die heute beigesetzt wird, die andauernde Hitze, die zwar richtig sommergut ist, aber mich nicht einschlafen lässt, verrückte Angehörige, die auf der Trauerfeier herumkrakeelen, all das raubt mir die Kräfte. Vierzehn Tage Urlaub scheinen mir da die grundsätzliche Problemlösung zu sein. Es ist immer wieder erstaunlcih, wie sehr man (ich) auf äußere Einflüsse innerlich reagiert und wie das Gleichgewicht gefährdet ist. Zwischen der Trauerfeier meiner Mutter und ihrer Beisetzung lag eine Woche, in der alles seinen gewohnten Gang ging, heute morgen jedoch erfasst mich wieder die Unruhe und ich kann nicht genau definieren, warum dies so ist. Ein schlimmes Kapitel Leben geht endgültig zu Ende, aber es ist eben kein schmerzfreies Ende und das Kapitel bleibt ja, ist zwar geschlossen, aber dadurch nicht ungeschrieben. Der, der zurück bleibt, muss sich quälen, der, der geht hat ja längst alles überwunden und bedarf keiner Lösungen mehr. Den eignen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der andern muss man leben, sagt Mascha Kaleko, wie wahr, wie wahr.

Viele Wahrheiten

27. June 2010

Natürlich trauere ich, aber eben nicht über Mutters Tod, sondern über das, was war und nicht mehr ins Reine kommen konnte. Und dies ist meistens viel schmerzlicher als wirkliche, unverfälschte Trauer, die den Menschen meint, der gegangen ist. Die Abschiedsfeier für sie ist gewesen, mit größtmöglicher Sachlichkeit habe ich an allem teilgenommen, ohne wirklich dabei zu sein. Der Pastor hat ein nettes Lebensbild von ihr gezeichnet, wie sollte er es auch besser wissen. Und mir ist klar, dass seine Worte auch ihre Wahrheit haben, aber es gibt im Leben eines Menschen eben viele Wahrheiten.

Jeder hat so seine Art

23. June 2010

Meine Mutter ist heute nacht gestorben. Ein Anruf weckte mich und danach konnte ich nicht wieder einschlafen. Ja, liebe Smilla, so geht es den meisten Menschen, die du in deiner Arbeit triffst. Nur trauern wohl viele um ihre Angehörigen, hingegen ich nichts zu betrauern habe und mir statt dessen das Hirn zermartete, angesicht all der Dinge, die bedacht und geregelt werden müssen. Da ich ja eh nicht mehr schlafen konnte, habe ich mich an den PC gesetzt und eine Rede für Freitag geschrieben, ja, jeder hat so seine Art, mit den Dingen umzugehen…

Hochzeit und Fußball

22. June 2010

Also am Samstag war ich seit langem richtig froh über das mäßige Wetter, hatte ich doch ganz andere Pläne, als draußen im Garten zu sitzen. Mich hat es nämlich an den Bildschrim zur Hochzeit von Viktoria und Daniel gezogen. Königshäuser interessieren mich eigentlich überhaupt nicht (nur die im echten  Märchen) aber Schweden interessiert mich und dazu gehört ebne auch diese wirklich schöne, rührende und so fröhliche Hochzeit der Kronprinzessin. Vorsorglich hatte ich mir auch mein Schwedischlehrbuch geholt, um DU GAMLA, DU FRIA,  die Natioanlhymne,  mitsingen zu können. Ach ja, zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust. So hoffe ich bei der Fußball WM für Dänemark (weil Schweden ja nicht drin ist) und werde mich morgen für Deutschland ereifern. Diese Gemeinschaftserlebnisse aus dem sicheren Abstand es eigenen Zuhauses heraus habe ich am liebsten, ich bin dabei und doch für mich.

Die Schatten bleiben Schatten

18. May 2010

Sie rühren mich an, die gequälten Töchter, sie sind alle so kaputt und werden wohl nie an ihrer grausigen Kindheit genesen. Geschlagen und gedemütigt wurden sie von ihren Vätern und die Mütter haben dabei gestanden und mit den Achseln gezuckt. Ich kann ja nichts tun, der Mann ist ja stärker. Und dann sterben die Väter und Ehemänner und die Ehefrauen wischen das Gewesene vom Tisch und werden (manchmal) zu lustigen Witwen. Nur wie es ihren Töchtern geht, interessiert sie nicht. Diese bleiben weiterhin ihrer Rolle treu, rackern sich ab für die Mutter, wachen an ihrem Krankenbett und beweinen ihren Tod. Und ihre Seeelen bleiben beschädigt, weil es kein erlösendes oder zumindest klärendes Wort von der Mutter gegeben hat. Ist diese in Frieden gestorben ?, ich hoffe es nicht, denn die Töchter leben auch nicht in Frieden weiter.

Schlappmachen gilt nicht

30. April 2010

Kleine Jungs, die sich den Berg an meinem Haus hochkämpfen und -natürlich – nicht laufen, sondern gehen, weil sie glauben, dass der Trainer sie nicht sieht. Der aber steht mit dem Fahrrad hinter einem Baum und macht sie fertig, sobald sie näher kommen. Ich habe aber Seitenstechen- na und, interessiert mich nicht, die gehen auch wieder weg. Doch, solch einem liebenswerten und pädagogisch einwandfreiem Ekel, der unsere Kinder ja von der Straße wegholt, wie es die Vereinswerbung immer anpreisst, würde ich unbedingt mein Kind anvertrauen. Unsere Kinder müssen ja gestählt werden, auf das wahre Leben vorbereitet, in dem schlappmachen nicht gilt und Ellenbogen alles sind. Nächstes Mal, Jungs, gebraucht die Ellenbogen und schubst damit euren aufgeblasenen Trainer vom Fahrrad.

Es gibt viele Köpfe, die in Suppenschüsseln stecken

20. April 2010

Für eine Woche war ich mit meinem Mann wieder in Schweden, in Småland, in der Nähe von Mariannelund, wohin Michel aus Lönneberga zum Arzt musste, als er die Suppenschüssel auf dem Kopf hatte. Schöne Tage, erholsam und ganz weit weg von zu Hause, wenn auch etwas kühl und oft windig. Eine Wanderung haben wir unternommen und uns über Wege geärgert, die gar keine waren. Die reinste Gebirgskraxelei, wortwörtlich ging es über Stock und Stein und als Belohnung gab es eine herrliche Aussicht über einen See, in dem mein Mann unbedingt baden musste. Sich überwinden, für Minuten aussteigen aus dem trägen, lustlosen Körper, die eigenen Grenzen erweitern, das hat mir gut getan. Überhaupt hat dieser Urlaub zur Läuterung beigetragen, es ist wie es ist und was ist und was noch kommt, hat nichts mit Schuld zu tun. Mit kleinen Schritten kommt man auch voran und man sieht auf dem Weg mehr von dem, was ringsherum passiert. Mit weniger Aufträgen kann man auch leben und zwar besser als jene, die gar keine Arbeit haben. Ein Bestatter bestraft mich gerade, weil zwischen einem Angehörigen und mir die Chemie absolut nicht stimmte und es zu keinem Gespräch gekommen ist. Bestraft werde ich aber, weil ich mich dies einzugestehen als Frau getraut habe, denn der männliche Redner erlaubt sich so etwas ständig. Die Hinterbliebenen werden dann an mich weitergereicht, ohne  Kommentar, ohne Strafe. Die Frage ob Mann oder Frau zur Trauerrede ist ja eh schon eine diskriminierende, klingt wie Fisch oder Fleisch, wie Birnen oder Bananen, läßt  Polarisierung überhaupt erst aufkommen. Entscheide dich nicht für einen Stil, eine Ausstrahlung, eine besondere Begabung, sondern entscheide dich  zwischen Mann und Frau. Ich habe von Hinterbliebenen gehört, die sich einen schlanken Menschen als Redner für ihren Verstorbenen wünschten, das ist eine klare Ansage, wenn auch gewöhnungsbedürftig und herzig absurd. Nun bin ich wieder zu Hause angekommen, nach den unendlichen Steinen, die Smalands Reichtum und Elend sind, freute sich mein Herz besonders an den Blumen in meinem Garten, an dem Vorsprung der Natur, der von hier zu dort ca. vier Wochen beträgt. Äußerst ungern unterbrach ich meine Gartenarbeit, um zu einer Familienfeier zu gehen, auf welcher ich drei Stunden lang meine völlig apathische und abgewandte Mutter anstarren musste. Eine Familienfeier, bei der sich alles nur ums Essen und Trinken drehte, keine Spiele, keine gemeinschaftlichen Aktivitäten, kein gutes, fröhliches Lachen, einer exponierte sich und die anderen blieben für sich, ohne bei sich zu sein. Aber alle blühten förmlich auf, als sie uns Unwissenden die letzten Fußballergebnisse und die Folgen des isländischen Vulkanausbruches mitteilen konnten. Dabei ist es schön, nicht zu wissen, was man nicht wissen muss.  

Mein Karfreitag

6. April 2010

In der Osternacht träumte ich, daß mein Mann gestorben wäre, plötzlich. Ich erlebte all dies in beklemmender Klarheit und konnte in keinen Schlaf mehr fallen, ohne sofort im selben Stil weiter zu träumen. Ich allein wusste nur vom seinem Tod und vor mir tat sich das ganze Ausmaß des Organisierens auf. Ich hätte die Familie, ja ich hätte zuerst meinen Sohn davon in Kenntnis setzen müssen, doch statt dessen durchkreuzten die anstehenden Kosten der Beerdignug mein Gehirn. Wie wollte er noch mal bestattet werden und wo, was würde ein Einzelgrab kosten, inwiefern bäuchte ich einen Bestatter udn vor allem welchen. Könnte ich das Haus halten, müsste ich sein Auto verkaufen oder sollte ich es für unseren Sohn behalten. Bekäme ich eine Witwenrente, die die Kosten abdecken würde, sollte ich seine Mutter anrufen oder bitten zu mir zu kommen! Ich ging aufs Klo, danach gleich wieder ins Bett und sofort legte sich wieder jene bleierne Schwere auf meine Brust und Fragen über Fragen schienen mich zu erdrücken. Fragen nahc seinem Verbleib, Fragen danach, was überhaupt geschehen sei und Fragen, wie ich seine Abschiedsfeier gestalten sollte. Ich kam auch nach einer Zigarette nicht aus dem Traum heraus und war mi auf einmal gar nicht mehr so sicher, dass dies wirklich nur ein Traum ist. Ich musste nachschauen, ihn wecken, um zu sehen, dass er noch lebt.  Was mein Mann tat. Ich erzählte ihm von meinem Traum, er nahm mich in den Arm und sagte noch, bevor wir einschliefen, dass es über eine Versicherung Geld im Falle seiens Ablebens gäbe. Ob mich nun dies oder seine Nähe beruhigte, egal. Im nächsten Traum fand ich das Skelett eines Schweriner Kirchenmannes, welches ich durch die Straßen schleppte, um es vor seinem Haus abzulegen. Warum, weiß ich nicht. Diese Nacht war wohl mein ganz persönlicher Karfreitag. So düster und beängstigend, wie das religiöse Gewissen, welches als unausrottbares Relikt christlicher Erziehung wohl noch immer auf irgend eine Art in mir weiterlebt.