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Süßigkeiten und Bitternis

Ich bin nicht stolz darauf, gestern kleine niedlich verkleidete Halloween-Mädchen abgewiesen zu haben. Ich habe nur etwas gegen Zwangsadoption, Zwangsadoption von Gebräuchen, die wir nutznießend in unsere eigene Kultur integrieren, ohne dass sie hier jemals Wurzeln gefasst hätten. Mit allergrößter Sklepsis begegen die meisten Menschen Wesen und Zusammenhängen aus anderen Welten, Magie gehört zu Harry Potter und Herr der Ringe und Hexen früher auf den Scheiterhaufen. Zur lustigen Bedürfnisbefriedigung, zum kostümierten Alltagsspuk aber ziehen Kleine wie Große sich Gewänder an und beten keck ihr Süßes, sonst Saures herunter. Der Unterhaltungswert ist garantiert. Fragt hingegen ein Penner Haste ma nen Euro ? hält die Hand krampfhaft die Geldbörse umklammert, weil, der trägt ja kein Kostüm und riecht ansonsten auch nicht gut. Fürs Geben will der Geber belohnt werden, und sicher nicht mit dem zahnlosen Lächeln eines Obdachlosen oder Punks, dem die nächste Dröhnung sicher ist, sondern mit strahlenden Kinderaugen aus der Sahelzone, oder eben mit dem niedlichen Szenario vor der Haustür. Wenn wir schon geben, dann soll es auch eine Investition sein, sich lohnen. Der Beschenkte soll verantwortlich mit unseren Gaben umgehen, ein Brunenn in Afrika soll gebaut werden, Spielzeug für ein Kinderheim angeschafft, Geben muss Sinn haben, Kreise ziehen und nicht der momentanen Bedürfnisbefriedigung eines herunter gekommenen Subjekts dienen. Dieses Subjekt aber freut sich wahrscheinlich echter über den Euro, der ihn für einen Moment seiner miesen Wirklichkeit enthebt, als die übersättigten Wohlstandskinder, die, jedenfalls hier, nahe der Schlossgartenallee, ihre minderwertigen Süßigkeiten heimlich in die Mülltonne werfen, weil Mutti ihnen so dermaßen ungesundes und chemisches Zeugs eh nicht erlaubt.
Zynismus kontra zuckersüße Augenwischerei ist jedenfalls eine Haltung. Und ich fürchte mich schon vor der Adventszeit, wenn mir an der Haustür häßliche und überteuerte Grußkarten aufgeschwatzt werden wollen, die ich mir nicht mal würde schenken lassen. Aber vor Weihnachten lassen sich ja angeblich auch die Herzen jener mit klebrigem Moraldings erweichen, deren Nächstenliebe sich darauf beschränkt, nach dem versehentlichen Anrempeln nur Prügel anzudrohen und sie nicht tatsächlich anzuwenden.