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Aufwachen

Am Samstag flogen die ersten Kraniche über unseren Trauerzug hinweg, das hat mich froh gemacht und an meiner müden Substanz gerüttelt. Habe ich doch, und nicht nur was das Tagebuchschreiben angeht, einen Winterschlaf eingelegt, die Energie reichte nur für die Arbeit und das Alltagsgeschäft. Da war viel Genügsamkeit, Abkehr, Abschalten, sich zurückziehen in die warme Stube, Zeit für tschechische Märchenfilme und amerikanische Serienkiller. Nun erwacht aber langsam das Bedürfnis nach Auseinandersetzung und aus sich heraus gehen, aufräumen, wegputzen, was spinnwebenbehaftet vom letzten Jahr übrig blieb. Inzwischen ist mein Sohn achtzehn geworden, wir Drei haben seinen Geburtstag in einem dänischen Ferienhaus gefeiert, dort fühlten wir uns fast wie Einheimische, weil die Kälte fast alle Touristen von der Insel vertreiben hatte. Neulich saß der auch gerade volljährig gewordene Sohn einer toten Mutter vor mir und weinte mich an und ich sah in ihm gespiegelt meinen Sohn und ein großer Schmerz bemächtigte sich meiner, nur kurz, denn als die Eröffnungsmusik zu Ende war und die Rede beginnen sollte, war ich wieder in der Realität angekommen. Nicht um meinen Tod ging es und nicht um meinen Sohn, ich konnte mich wieder herausnehmen aus dem Bild, das einer anderen Wirklichkeit entsprach. Nach Gartenarbeit sehne ich mich und nach mehr gelebter Spiritualität und werde mir die Zeit geben, die ich brauche, um zur Gänze in diesem Jahr zu erwachen.