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Respekt!

Am Samstag war ich im Kabarett bei Hagen Rether, den ich von allen Kabarettisten am liebsten mag. Dreieinhalb Stunden(!) hat er uns mit Wahrheiten und Ansichten und Deutungen gequält und ich meine, dass er dies auch vorgehabt hat, sein Publikum zu quälen. Nach soviel ausgesessener Zeit lässt du dir praktisch alles sagen und denkst nur noch, der muss doch jetzt endlich mal zum Schluss kommen. Der Respekt ihm gegenüber hat es mir verboten, schon früher das Capitol zu verlassen, allerdings zu einem hohen Preis, weil mein Auto abgeschleppt worden ist. Etwas verwirrt stand ich an der Stelle, wo ich es abgestellt hatte und ich begriff nicht sogleich, was eigentlich passiert war. Ich nahm mir dann ein Taxi zum bekannten Abstellplatz, da hatten die freundlichen Abschlepper meinen Wagen gerade ordentlich eingeparkt. Es war also nur eine minimale Zeitverzögerung, um nach Hause zu fahren, aber doch sehr unnötig. Ich stand zwar falsch, behinderte aber niemanden, versperrte keine Ausfahrt usw. Auch war es mitten in der Nacht, da frag ich mich, wer hat sich so ärgern können über eine Regelwidrigkeit, dass er mir die ganze Breitseite seiner Möglichkeiten verpassen musste. Apropos Respekt, neulich habe ich eine Trauerfeier für einen Russland-Deutschen gehalten, da trudelten die Gäste im 5 Minuten Takt ein oder noch mal Respekt; bei einem Gespräch vergaßen die Leute es einfach, mich im Foyer des Pflegeheimes abzuholen und ich habe mich dann durch die Namenslisten der Bewohner und schließlich durch endlos lange Flure, die immer kurz vor der Zimmernummer endeten, die sich suchte, gekämpft. Endlich angekommen, fragte mich die schwerhörige Ehefrau sieben Mal nach meinem Namen und verstand ihn auch bein achten Mal immer noch nicht. Und all dies, nachdem ich bereits einen harten Arbeitstag hinter mir hatte und dieses Gespräch freundlicherweise und wörtlich zwischen zwei andere geklemmt hatte. Manchmal stößt es mir schon auf, dieser mangelnde Respekt vor meiner Arbeit und vor mir selbst, der Platz den man mir nach Dienstschluss zuweist, wobei es ja nicht um meinen Verstorbenen geht, sondern um die Vorbereitung der Trauerfeier ihres Angehörigen. Da liegt doch die Vermutung nahe, dass dieser auch zu Lebzeiten nur den Platz nach Feierabend eingenommen haben muss. Heutzutage wird doch kein Urlaubstag für die Verabschiedung eines Familienmitgliedes “vergeudet”, die Zeremonie hat sich der Geschäftigkeit des Alltags unterzuordnen. Auch Angehörige, die auf mich “schwören” und mich persönlich anrufen, um mir mitzuteilen wie schön und würdevoll die Trauerfeier doch gewesen ist, feilschen bei einem erneuten Trauerfall hemmungslos um Termine und weil ihnen nur der eine Termin passt, an dem ich aber schon belegt bin, wechseln sie dann eben lieber zu einem anderen Trauerredner. Wie inkonsequent ist das denn?! Von wegen, der Tod wird immer mehr aus dem Leben verdrängt, der bekommt schon seinen Platz, aber eben, wenn es passt, wenn kein Urlaubstag gefährdet ist und die private Ordnung nicht gestört wird. Auch die offensiv vorgetragene Frage nach einem Gespräch am Sonntag (!) vormittag durch Söhne, die alle in und um Schwerin herum wohnen, empfinde ich als Zumutung. Denn; ich habe auch ein Leben außerhalb von Trauerfeiern und Gesprächen, ich habe eine Familie, die mir um einiges wichtiger ist als mein Beruf. Und; ich brauche die zeit, um abzuschalten, mich bei Gartenarbeit oder Nichtstun zu erholen von all den Tränen, die durch mich hindurch fließen, von all der Verbitterung, die in manchen gewachsen ist, von all den Schuldzuweisungen denjenigen gegenüber, die beim Gespräch nicht mit am Tisch sitzen. Ich werde immer mein Möglichstes geben, aber nicht um jeden Preis, denn ein nervöses, ausgelaugtes und psychisch erschöpftes Wrack am Rednerpult oder auf dem Sessel gegenüber wird niemandem guttun, am wenigsten denen, die auf Wachheit, Präsenz, Mitgefühl und die Würdigung ihres Verstorbenen vertrauen. So möchte ich arbeiten dürfen, ohne Gängelei, ohne auf den Sperrsitz platziert zu werden, ohne unzumutbare Terminwünsche, denn all dieses beeinträchtigt konzentrierte Wachheit, beeinträchtigt sprachliche Kreativität, reduziert mich auf eine Dienstleisterin, die ich nicht bin und auch nicht sein will.