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Auszüge aus meinen Trauerreden

hier finden Sie Auszüge von Trauerreden, die auf Trauerfeiern von mir gehalten wurden

Einzigartig

…bei der Vorbereitung dieser Trauerfeier bin ich auf einen Satz des
Schweizer Theologen Pierre Stutz gestoßen, der mich nicht mehr losgelassen
hat: Jeder Mensch kommt als Original zur Welt, aber leider sterben zu viele
als Kopie.
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Ich denke aus ihrem Erzählen heraus gehört zu haben, dass ihre Mutter und
Oma ganz sicher nicht als Kopie von dieser Welt gegangen ist. Sie ist ein
Original geblieben, sich selber treu. Hat sich nicht zuerst darum
gekümmert, was andere sagen, was andere für richtig halten, hat selbst
nachgefragt, selbst nachgeschaut, ist neugierig geblieben ihr Leben lang.
War Ruhepol, war Stein des Anstoßes, war unaufdringlich und genügsam, aber
keineswegs anspruchslos, sie hat, was dieses Leben für sie bereit hielt,
erlebt, hat es erfahren, manchmal auch erlitten, sie war großzügig und
kleinmütig, offen und in sich gekehrt, war humorig und launig, verbindlich
und treu, sie war Mensch in aller Göttlichkeit und Mensch mit allen
Fehlern, die seit Anbeginn auf uns lasten, sie war L.K. eben.

intensives Künstlerleben

P hat seine Hände und seinen Kopf und seine Stimme immer wieder dazu benutzt, dem Tod zu
widerstehen, dem Tod mitten im Leben. Denn den Tod treffen wir mitten im
Leben. Jeder Tod macht beziehungslos. Wenn andere Menschen nicht als
Bereicherung des eigenen Seins sondern als Konkurrenten angesehen werden,
nicht als Herausforderung und Quelle von Glück, sondern als Bedrohung, wenn
eine Gesellschaft sich so entwickelt, dass die Menschen von Brot allein
leben und daran sterben, am Brot, von dem allein kein Mensch satt werden
kann, dann regiert der Tod mitten im Leben. Das ist ein schlimmer Tod, weil
man danach noch weiter lebt.
P. war gern ein Ossi und sagte das auch, er trug schwer an manch
Vergangenem, aber es war ihm gelungen, sich daraus zu befreien. Er hatte
eine Vergangenheit und die war er nicht bereit, dem Mammon, auch nicht dem
Zeitgeist, zu opfern. Diesem Tod der Beziehungslosigkeit hat P.
widersprochen, zeitlebens.
Was bleibt aber, oder war es das?
Wir legen uns Antworten zurecht, beispielsweise diese; P. war es vergönnt
wie vielen Künstlern und Genies vor ihm in der heute kurz erscheinenden
Lebensspanne von fast 64 Jahren alles zum Ausdruck zu bringen, was ihm
gegeben war. Aber dass er fertig war, dass er schon zu Ende geträumt hat,
nein, das glaube ich nicht. Wir sterben alle am Wege, sagt Friedrich
Nietzsche, wer von erfüllten Zielen spricht ist ein Narr. Gerade so hat P.
gelebt, am Wege, immer auf dem Sprung zu neuen Ufern, auch jetzt noch, wo er
schon in die Jahre gekommen war.
Eine kleine leise, von Michael Trowitsch aufgeschriebene Geschichte will ich
euch erzählen.

Ein alter chinesischer Maler zeigt seinen Freunden das Bild, das er zuletzt
gemalt hat. Es zeigt einen Park mit einem schmalen Weg, der sanft hinauf
führt, vorüber an Baum und Wasser bis zur roten Tür eines Schlosses. Die
Freunde betrachten das Bild. Doch als sie sich zum Maler wenden wollen,
dieses seltsame Rot?, steht dieser nicht mehr neben ihnen, sie entdecken ihn
plötzlich im Bild, er geht auf dem schmalen Weg zu der fabelhaften Tür,
steht vor ihr stille, kehrt sich um, lächelt, öffnet die Tür und
verschwindet dahinter.
Wie mit diesem Maler geht es uns mit P. Beim Hören seiner Musik entstehen
Farben und Traumbilder. Und er ist mittendrin in seinen Texten und Tönen,
aber plötzlich schließt sich hinter ihm eine Tür. Seine Stimme ist noch da,
auch seine Musik. Aber er ist fort. Jetzt, wo er fort ist, werden
wahrscheinlich noch mehr Menschen auf ihn aufmerksam, …das seltsame Rot? Die
Tür aber ist ins Schloß gefallen.

Schönes Alter

Es sollte schön sein, alt zu sein, voll des Friedens, der aus Erfahrung
stammt
Und voll der Falten reifer Erfüllung.

Das faltenreiche Lächeln der Vollkommenheit, das die Folge des Lebens ist,
das gelebt wurde, furchtlos und unverbittert von Lügen.
Wenn die Menschen lebten, ohne Lügen hinzunehmen,
würden sie wie reife Äpfel und duften wie Winterobst in ihrem Alter.

Frieden sollten alte Leute ausstrahlen, gleich Äpfeln,
da sie der Liebe müde geworden sind.
Duftend wie gilbende Blätter und dunkle
Von der sanften Stille und Zufriedenheit des Herbstes.

Und eine Frau sollte sagen: Es muß wunderbar sein zu leben und alt zu
werden.
Schau auf meine Mutter, wie erfüllt und voll Frieden sie ist.

Und ein Mann sollte denken:
Bei Gott, mein Vater hat allen Stürmen getrotzt-
Das ist ein Leben gewesen.

D. H. Lawrence

ich gebe zu, dass die Anfangsworte des englischen Schriftstellers etwas
verklärend daher kommen, aber sie sind wohl seinerseits auch als Vision
gemeint. So könnte es sein und wir erfahren oft genug, dass es nicht so ist.
Da werden Alte zu unmündigen Bürgern erklärt, da sind Verwandte nicht
bereit, Krankheit, Vergesslichkeit und Verwirrtheit mitzutragen.
Da interessiert sich niemand für die Lebenserfahrungen, und es wird sich
nicht die Mühe gemacht, zuzuhören, wenn die Alten erzählen von einer
Vergangenheit, in der sie jung waren, Träume hatten, auf Karussellen saßen
und in Liebe erblühten.
Das Alter kann der Würde berauben, wenn niemand da ist, der die Würde
bewahrt, die Selbstbestimmung, den Stolz, den aufrechten Gang.
Wir verstehen heute die tief gekerbten Falten kaum noch als Jahresringe, als
sichtbare und zu achtende Lebensprägungen, als Zeichen, dass da ein Mensch
gelebt hat, dass er blühte und Früchte trug, dass er Wunden erlitt, die
verheilten und davon Narben behielt. Nein es ist nicht chic, es ist nicht
zeitgemäß, alt zu werden, man walkt dagegen an, cremt und salbt sich,
plündert die Apotheken, man verdrängt, so gut es geht. Und ob all dies
etwas mit Würde zu tun hat, sei dahin gestellt.

Ich weiß nicht ob der A. V. gerne alt geworden ist, aber ich nehme es ganz
stark an, dieses hohe Alter schien ihm auch etwas Besonderes gewesen zu
sein, eine Auszeichnung sozusagen, ein Privileg, daß doch nur ganz wenigen
Menschen zuteil wird. Das Privileg, daß auch manche Bürde in sich birgt, alt
wird man nicht ohne Beschwerlichkeiten, ohne Verlusterfahrungen und
Abschied, liebe Menschen sieht man sterben, A. hat ja auch seine zwei
Ehefrauen überlebt und darauf ist er wahrlich nicht stolz gewesen, auch
Freude, Kameraden, Kollegen sah er gehen, sah die Welt sich drastisch
verändern, so ganz anders werden, als in den Anfängen des letzten
Jahrhunderts, in welchen er ja geboren worden ist. Zeitgeschichte war
tatsächlich von ihm erlebt worden, war realistischer für ihn als
Druckerschwärze auf Zeitungspapier, real auch zwei Kriege. Sein
Kriegseinsatz in Dänemark, was gewiss nicht der umkämpfteste Ort geworden
ist, aber Krieg bleibt Krieg, hat auch von ihm Jahre gefordert. Er hat das
alles erlebt, hat alles gesehen und trotzdem lachte er und trotzdem lebte er
gerne. Und konnte am Ende von sich sagen; ick häv een gaud Leben hat, ick
versüm nix mier.

Eigenwillig und Liebenswert

…in vielen Facetten hätte sich G. F. wieder erkannt, hätte am Ende
zustimmend gelächelt, versonnen nach innen geblickt oder eben resolut den
Kopf geschüttelt, so wie es ihre Art war, wenn ihr etwas gegen den Strich
ging.
Sie hat zwar allein gelebt, ehe und kinderlos, aber es war kein Dasein für
sich, in etwaiger Abgeschiedenheit, kein grummelndes altes Tantchen, das der
Welt den Rücken kehrte, sondern lebendiges, erlebbares Miteinander, das sie
verband. Aus welchem Grunde auch immer entsprach sie damals wie heute nicht
dem klassischen Frauenbild, vielleicht war sie sich dessen gar nicht stets
bewusst und es bleibt zu bezweifeln, dass sie in Ehe und Mutterschaft
glücklicher gewesen wäre. Für sie war es wohl gut so, wie es war.
Möglichkeiten, die ihr offen standen, nutzte sie ehrgeizig, gestaltete ihr
Leben spannend und bewusst, umgab sich mit Freunden, mit Menschen, zu denen
sie sich hingezogen fühlte, von denen sie Gutes erwarten konnte. War frei
auch zu geben, zu beschenken, ganz ohne Anspruchsdenken, lebte in der Welt,
und liebte deren Vielfältigkeit, litt an deren Begrenzungen und schöpfte aus
ihren Möglichkeiten.
Ich habe die Verstorbene nicht gekannt, aber sie haben mich ganz lebendig an
vielen ihrer Erinnerungen und Eindrücken teilhaben lassen, so dass in mir
ein Bild entstanden ist, ein farbiges, wohlgeformtes Bild, dass mir
begreiflich macht, wie traurig sie ihr Tod macht.
Erinnerungen sind da an eine freundliche und gutmütige Frau, auch an Tante
G., die mit den Augen blitzen konnte, wenn ihr etwas nicht passte, G., die
sich ihnen vertrauensvoll öffnete, oder zurückzog, je nach Befindlichkeit.
G., die bescheidene, und die dabei doch nicht anspruchslos gewesen ist, die
sich auseinandersetzte mit der Welt, eine Meinung vertrat, ihren
Glücksanspruch umzusetzen trachtete, die Haus und Herz darbot, konsequent
war, manchmal stur, die nicht viel forderte und auch nicht die kleinen Dinge
gering achtete.